Allgemein
17. 06. 2009
Hallo Freunde,
herzlich willkommen auf meiner Homepage. Wer hier öfters aufkreuzt, weiß, dass es regelmäßig updates und presse-news gibt. Abgesehen davon, daß Mathis Landwehr und ich seit einem guten Dreivierteljahr an einem Filmprojekt arbeiten, gibt es nichts neues. Ach ja, zwei neue Romane sind immer nochin der Pipeline.
Das wohl wichtigste Ereignis im »Kunkelversum« ist aber ein Hörspiel namens SUBs, das der WDR am Samstag, dem 20. Juni 2009 um 15.05 Uhr ausstrahlt.
http://www.wdr3.de/hoerspiel/details/artikel/subs.html
Viel Spass & so long everybody
Thor Kunkel
PS: »Kuhls Kosmos« läuft wie geschmiert, ich danke allen Lesern für die vielen Zuschriften! We shall overcome!
“Hab mich selten so gut schlecht gefühlt.” Bela B.
Einen hat das Buch jedenfalls überzeugt: Bela B., – ihr kennt ihn alle, Sänger und Schlagzeuger der ÄRZTE– , hat mir dieses Photo geschickt. Thanks, Big F! Y ou are cold rockin’ it!
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2. 2. 2009. Heute in der Süddeutschen Zeitung »Es kann sehr kalt sein in Kamerun«
Den kompletten Artikel finden Sie im Presse-Archiv. (rbi)
………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………….. APRIL 2008 : In der April- Ausgabe der Literaturzeitschift Volltext Nr.2/08 analysiert Gunther Nickel, Literaturwissenschaftler und Lektor des Deutschen Literaturfonds, die merkwürdige Vergesslichkeit der ehemaligen Erregungsgemeinschaft um “Endstufe”.


Die Wohlgesinnten und die Vergesslichen
von Gunther Nickel
„Gelobt, geschmäht, verleumdet. Das Buch, über das alle reden.“ Mit diesen Worten warb während der Leipziger Buchmesse 2004 ein Plakat für einen Roman, über den damals tatsächlich viel geredet und auch nicht wenig geschrieben wurde. Er handelt von sexfilmproduzierenden SS-Offizieren und berichtet über die Macher dieser pornografischen Streifen ausschließlich aus der – von jeder moralischen Erwägung ungetrübten – Perspektive der Täter. „Der Humanismus funktioniert nicht, weil der Mensch nicht human ist“, lautet der Befund eines der Protagonisten, der es deshalb auch richtig findet, dass die Politik im /Dritten Reich/ „vom Biologismus bestimmt“ werde. Folgerichtig, um nicht zu sagen: naturgemäß, geht es in dem Buch nicht sehr manierlich zu, ja der Leser ist gleichsam einem literarischen Trommelfeuer an Geschmacklosigkeiten ausgesetzt. Den etablierten Kritikern gefiel das bis auf ganz wenige Ausnahmen gar nicht: „Endstufe der Wirrköpfigkeit“ überschrieb die /Neue Zürcher Zeitung/ ihre Besprechung, die /Süddeutsche/ erkannte auf einen „Skandal“, und auch der Rezensent der /Frankfurter Allgemeinen/ fand das Buch „abstoßend“, obwohl sein Kollege von der assoziierten „Sonntagszeitung“ zwei Monate zuvor noch von einem „glänzend geschriebenen, ungeheuer interessanten Manuskript von einem der besten deutschen Autoren der jüngeren Generation“ gesprochen hatte. Für dieses forsche Lob hagelte es dann allerlei hämische bis entrüstete Kommentare, und zugleich machte ein Vorwurf die Runde, der den Autor – er heißt übrigens Thor Kunkel, und sein Roman trägt den Titel /Endstufe/ – anhaltend stigmatisierte. Das Buch, las man nun nämlich, verströme nicht nur „den muffigen Geruch von Jungs-Toiletten“ (Die Welt), es zeuge auch von geschichtsrevisionistischen Absichten, sei also noch „skandalöser, als einige meinen“ (FAZ), sei eine – so die Wochenzeitung /Freitag/ – „rechte Steilvorlage“. Kunkel wehrte sich gegen solche Vorwürfe, war dabei nicht immer sonderlich geschickt, und seitdem ist es recht still um ihn geworden.
Nun ist vor wenigen Wochen mit Jonathan Littells /Die Wohlgesinnten/ ein Buch erschienen, für das wesentliche literarische Mittel, derer sich Kunkel bedient hat, ebenfalls kennzeichnend sind. Auch Littell präsentiert die NS-Zeit aus der Täterperspektive; auch sein Ich-Erzähler schlägt, wie Iris Radisch in der /Zeit/ befand, einen „schwülstigen, primitiven Ton“ an, wenn er „sich in homosexuellen, inzestuösen oder analerotischen Fantasien ergeht“, ja einige Nebenrollen, so Dirk Knipphals in der /taz,/ „scheinen gänzlich dem Figurenarsenal eines Nazipornos entnommen zu sein“; auch Littells Erzähler prolongiert den allgemeinen Kriegszustand bis in die Gegenwart; und auch Littell beruft sich wie Kunkel auf das Vorbild Thomas Pynchon. Noch erstaunlicher als all diese Parallelen ist indes, dass nicht ein einziger Rezensent an die vor vier Jahren emsig und heftig geführte Auseinandersetzung mit Kunkels Roman wenigstens am Rande erinnert hat oder sich gar zu erklären anschickte, warum es richtig war, Kunkel derart abzustrafen, Littell nun aber in einem Maß zu würdigen, das das Übliche weit übersteigt.
Dabei ist das von ihm gewählte literarische Verfahren gar nicht besonders originell. Schon Günter Grass hat seine /Danziger Trilogie/ mit pornografischen Elementen gewürzt, um seine politische Traumatisierung literarisch zu verarbeiten. Pornografische Motive sollen auch in Elfriede Jelineks Roman /Lust/ dazu dienen, den faschistischen Machismo sinnfällig zu machen, der – ihrer Ansicht nach – lediglich aus der Sphäre der Öffentlichkeit in die familiäre Privatheit abgewandert sei. Als das schlechthin Neue und Unerhörte wird an Littells Roman daher lediglich hervorgehoben, was tatsächlich vor ihm schon Thor Kunkel (und nicht nur er) versucht hat: uns die NS-Geschichte aus der affirmierenden Sicht der Täter näherzubringen. In einem zentralen Punkt ist dies beiden jedoch nicht einmal ansatzweise gelungen. Weder bei Kunkel noch bei Littell wird der nationalsozialistische Idealismus verständlich, der in den 1930er Jahren etwa einen Schriftsteller wie Hans Grimm und noch gegen Kriegsende einen aufgeweckten Studenten wie Walter Jens oder einen SS-Rekruten wie Günter Grass zu erfassen vermochte.
Die Probleme, die beide Romane darüber hinaus aufwerfen, sind nicht deckungsgleich, aber ähnlich. Ohne jeden Abstrich ließe sich auf Littell übertragen, was Martin Halter 2004 in der /Badischen Zeitung/ über Kunkels Buch schrieb: „Man kann über alles streiten. Aber man kann nicht die spektakuläre Verquickung von Pornographie und Nazi-Ideologie als unterdrückte Wahrheit, einen Haufen rassistischer, sexueller Tiraden als gewagte Rollenprosa verkaufen.“ Warum kann Littell es doch? Weil die pornografischen Fantasien, die er seinem SS-Mann Max Aue angedichtet hat, die eigentümliche Melange aus Gewalt, Lust, Ekel und Faszination dem Leser beängstigend nahebringen, Kunkel das aber nicht gelungen ist?
So könnte man argumentieren. So hat aber niemand argumentiert. Und selbst wenn man so argumentiert hätte, wäre es noch diskussionswürdig. Denn Rollenprosa ist nur ganz schwer beizukommen. Man kann Littell zum Beispiel nicht vorwerfen, dass er seinen Realismus durch den schon im Titel vorgenommenen Bezug auf die Eumeniden (= die Wohlgesinnten) mythologisch rahmt und damit letztlich nur Deutungsmodelle variiert, die bereits Thomas Mann im /Doktor Faustus/ und Carl Zuckmayer in /Des Teufels General/ geliefert haben. Nicht ihn träfe dieser Vorwurf, sondern nur den von ihm erfundenen und in kritischer Absicht dargestellten Max Aue. Das findet bei Kunkel eine Parallele, wenngleich er nicht bis zur mythologischen Überhöhung ausgreift, sondern sein Text nur an die inflationäre Denunziation von allem und jedem als „faschistisch“ in den 1970er Jahren erinnert. „Nichts Neues unter der Sonne, dachte Fußmann“, heißt es gleich zu Beginn in Kunkels Roman, um die Hauptfigur daran anschließend sagen zu lassen: „Ist es wirklich von Bedeutung, ob sich die Manipulatoren demokratisch nennen oder faschistisch?“ Jeder Einwand gegen diese nur rhetorisch gemeinte Frage trifft auch in diesem Fall nicht den Autor. Ja, man könnte sogar so weit gehen, das Maß an Widerwillen und Ablehnung, das es ihm durch diese und andere Provokationen zu produzieren gelingt, zum Maßstab für das Gelingen seines Textes zu machen.
Die mit der Verwendung von Rollenprosa verbundenen Schwierigkeiten literarischer Wertung wurden jedoch nur in der Diskussion um Littels Roman zuweilen gestreift, zum Beispiel von Thomas Steinfeld, der in der /Süddeutschen Zeitung/ zu Recht fragte: „Wer würde von einem SS-Offizier erwarten, dass er wie ein Schriftsteller schreibt?“ Sonst aber machte die Debatte beängstigend deutlich: Nur vier Jahre haben genügt, damit sich im deutschen Feuilleton niemand mehr daran erinnern kann, dass eine Auseinandersetzung mit polit-pornografischer Rollenprosa schon einmal geführt wurde, nur ungleich härter, geradezu unerbittlich, um nicht zu sagen: gnadenlos.
Bleibt die Frage, wie es zu solcher Vergesslichkeit kommt? Deren Ursache ist wohl die weitgehende literaturkritische Fixierung auf das Tagesgeschäft und die allenthalben fehlende feuilletonistische Selbstreflexion. So wird angesichts des Romans /Die Wohlgesinnten/ zwar die Frage der angemessenen literarischen Darstellung der Vergangenheit ausgiebig diskutiert, aber bezogen auf ihr eigenes Tun und Treiben, bleibt die literaturkritische Praxis völlig geschichtsvergessen.
Nur in sehr seltenen Augenblicken bemerken Literaturredakteure, dass ihr fortwährender Aktionismus in öffentlichen Räumen mit einer merkwürdigen Besinnungslosigkeit einhergeht. So kommentierte Gerrit Bartels 2004 in der /taz/ das Ende der Debatte um Kunkels Roman auf eine Weise, mit der sich das ganze Tamtam um /Die Wohlgesinnten/ nicht schlecht charakterisieren lässt: „Erregung! Noch mehr Erregung – und danach: die große Leere.“
Den Original-Artikel finden Sie auch in unserem Presse-Archiv. (rbi)
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19. 3. 2008
Unnatürlich natürlich - Thor Kunkel äußert sich in seinem monatlichen Internet-Kommentar über Jonathan Littells kakophonischen SS-Remix „Die Wohlgesinnten“ (rbi) Das Essay finden Sie auch in Push Magazin und auszugsweise in der Financial Times Deutschland vom 25.2.08.
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13. 1. 2008 Thor Kunkel auf Deutschlandradio Kultur
“Im Ende steckt ein Anfang” - Ein Feature von Peter Kaiser
Mit dem Scheitern in der Literatur (Kernthema der Sendung) ist es so eine Sache: Wer oder was bestimmt dieses Scheitern? Unfähige Literaturkritiker, die einen Autoren aus literaturpolitischen Gründen verbal füsilieren oder Verkaufszahlen, die vielleicht nicht ganz den Erwartungen des Verlegers entsprechen? Oder ist es der eigene Anspruch? Fragen an einen Schriftsteller, der Elke Heidenreich als persona non grata gilt. (rb)
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Zur öffentlichen Hinrichtung von Eva Herman
Rufmord und Folgen – zwei Rufmorde im Vergleich
Es war ein telekratisches Autodafé, Kerners Show am 9. Oktober, ein bunt beleuchteter Pranger: Der Richter, ein glatter Medienkasper, seine Beisitzerinnen, ein Alt-Erotik-Star (kenne die Berger eigentlich nur aus der Werbung für Hämorridencreme oder Gebissreiniger), daneben eine gefallene RTL-Moderatorin, die ihre Chance zum Comeback mit Händen und Füßen ergriff, frei nach dem Motto „Was Lea Rosh kann, kann ich schon lange.“
Auch ein Jüngelchen hatte man zwischen den reiferen Frauen platziert. (Die Männerquote scheint Kerner wichtig zu sein. ) Und mittendrin natürlich Eva Herman, die buchstäbliche Blondine vom Dienst. Angetreten eine Sachdebatte anzuspannen und das „kleine Missverständnis“ aus dem Weg zu räumen, tappte sie prompt in die Nazi-Falle. Das Wort wird hier in der Schweiz von der Presse gebraucht. In Deutschland wäre schon die Erwähnung derselben ein dringendes Verdachtsmoment gegen den, der auf die Nazi-Falle verweist. Doch welcher Deutsche würde noch ernsthaft bestreiten, daß die öffentliche Sprache einer neuro-linguistischen Programmierung unterliegt? Es scheint nicht nur einen unausgesprochenen »Holocaust-Knigge« zu geben, sondern auch einen umfangreichen idiomatischen Verabredungskatalog, der eine allgegenwärtige verhaltenstechnologische Grammatik der Gesellschaft bestimmt.
Man möchte nicht von Konditionierung sprechen, doch Margarete Schreinemaker, eine der Beisitzerinnen, begann angesichts der von Eva Herman geführten Rede sichtbar zu speicheln. Zudem bekundete sie lautstark „erhöhten Puls“, was für eine physiologische Abwehrreaktion spricht.
Frau Herman, die bisher nur die Sonnenseite des Lebens kannte, scheint das Opfer ihrer eigenen Verdrängungsmechanismen geworden zu sein. Anders ist es kaum zu erklären, wie sorglos sie denen die Munition liefert, die mit großen Kalibern auf sie schießen. Die Kultur des Diskurses, auf die Herman als Autorin blauäugig spekulierte, gibt es in Deutschland schon lange nicht mehr. Immer häufiger liest man von „verminten Gebieten“, von „Deutungshoheit“ oder von „Worten, die nicht fallen dürften“. Deutlicher kann eine Presse nicht bekennen, wie unfrei sie ist.
Wer fast die Hälfte seines Lebens im Ausland gelebt hat wie ich empfindet diese idiomatischen Fall- und Würgeschlingen als klare Bevormundung. Sie existieren in dieser spukhaften Subtilität weder im angloamerikanischen noch im niederländischen Sprachraum und zeigen wie unfrei und kleingeistig dieses Land im Inneren wieder ist. Denn nach dem Kerner-Eklat geht es nun nicht mehr um Hermans liebenswert altbackene Thesen, es geht um ihre verbalen Verstöße gegen die Sprachbarrieren, die das öffentliche Leben bestimmen. Frau Herman nannte es tatsächlich „gefährlich“ über die deutsche Vergangenheit zu sprechen – Sakrileg! Da musste die Falle doch zuschnappen: Kerner, selbst geschockt, warf seinen Gast mit etwas Verspätung aus der Sendung. Damit wurde Herman mit einer Geste zur persona non grata und als massenkompatible Gegenstimme zur Regierungspolitik neutralisiert. Kerner hatte ihr – wie er immer wieder betonte – „jede Chance gegeben“, sie die Hand der Versöhnung unterkühlt ausgeschlagen. Und das ist etwas, was heute besonders schwer wiegt: Die blonde, blauäugige Hexe (ja, auch ihr Phänotyp ist für bestimmte Leute Indiz) wirkt unbeugsam und ist nicht bereit um Vergebung zu bitten. Genau dieses Rückgrat ist es, was – aus meiner eigenen Erfahrung - die Hintermänner der medialen Femegerichte so reizt. Die erwartete Unterwürfigkeit fehlt, die Bitte um Absolution durch eine unnennbare, aber medial höchst schlagkräftige Macht.
Als „Unverbesserlicher“ (DIE WELT über T.K.) spreche ich hier einmal aus eigener Erfahrung, wobei ich vorausschicken muß, daß ich nicht wie Frau Herman mit Samthandschuhen angefasst wurde.
Meine Verhaftung durch Deutschlands Gedankenpolizei nahm im Februar 2004 ihren Lauf, als mir ein einziger psychotischer Meinungssoldat des SPIEGELs unterstellte ein „Revisionist“ und „rechter Schläger“ zu sein. Quelle seines Verdachts waren unbedachte Äußerungen meines ehemaligen Verlegers, ein Ausdruck eines „Werkstattberichts“, den ich gar nicht verfasst hatte, private Randnotizen, sowie Stellen in einem unredigierten und von mir nicht autorisierten Manuskript. Es ging um kein gesellschaftspolitisches Manifest, keine Parteigründung, sondern schlichtweg um ein literarisches Werk.
Wie Eva Herman beging ich den Fehler nicht sofort mit einer einstweiligen Verfügung gegen das Nachrichtenmagazin vorzugehen und auf die Herausgabe des zitierten und offenbar aus einem Datendiebstahl stammenden Materials zu drängen. Ich schrieb stattdessen einen offenen Brief, den man jederzeit im Netz nachlesen kann. Er änderte nichts: Ist der Grundton einmal von einem Leitmedium gesetzt, schlagen alle wie wild darauf los. Bezeichnend ist die Form des Ereiferns, wie es das Medien-Sternchen Thea Dorn in »buchreport« praktizierte: „Die widerliche Fluchtrichtung des ganzen Werkes ist ja, uns zu erklären, daß der Nationalsozialismus nichts besonders Deutsches ist, sondern eigentlich nur eine Vortrainingsstufe für die USA, weil die Amerikaner eigentlich die besseren Faschisten sind!!!“
Ich dachte damals: Klar, daß es einem Ungeheuer unerträglich sein muß, einem noch größeren Ungeheuer zu begegnen. Dorn entlarvte sich selbst und welchen Geistes Kinde sie ist.
Die Rezeption meines Romans wurde jedenfalls mit allen Mitteln gestört, die Buchhändler bekamen das große Zittern. Plötzlich war es, als hätte ich die „Satanischen Verse“ geschrieben, und jedes Wort, was ich sagte, sah ich bald -– in Anführungszeichen gesetzt – in irgendwelchen Presseberichten.
Obwohl der SPIEGEL eine Unterlassungserklärung unterschrieb, was dem Eingeständnis eines Fehlverhaltens gleichkommt, griffen Provinzblätter und Internet-Foren die längst revidierten Vorwürfe auf, als ob es diese Unterlassungserklärung gar nicht gäbe! Sie schrieben einfach voneinander ab, in blinder Wiederholungsmanie, und führten so zu einer Flut von Anschuldigungen auf schlimmsten Niveau. Selbst meine Haarfarbe und der „nordisch klingende“ Vorname wurden mir angekreidet. Rassismus pur, könnte man sagen. (Die TAZ diskriminierte mich sogar wegen eines braunen T-Shirts.) In Berlin stürmte ein lyrischer Fuselbrenner nach SA-Manier die Bühne und bellte mich wie einen Hundeheiligen an. Danach hagelte es Morddrohungen, – ob es da vielleicht einen Zusammenhang gab?
Mein Verlag versuchte alles Erdenkliche an Öffentlichkeitsarbeit, ich verklagte zig Journalisten, ohne nennenswerten Erfolg in der Sache. In der Presse wurde fleißig an meinem „dämonischen Image“ gefeilt. Ein Rezensent der Neuen Züricher Zeitung bescheinigte mir „genetische Defekte“, die Süddeutschen witterte dagegen „Kampfthesen“ in meinem Gepäck. Begründet wurde das alles nicht. Nur die Hasstiraden setzten sich fort. Ein freier Mitarbeiter des ZDF warnte mich, Wolfgang Herles, der »Aspekte«-Chefredakteur hätte seinem „Werkzeug fürs Grobe“, dem Skandal-Journalisten Tilman Jens, den Auftrag erteilt „mich fertigzumachen“. Es wäre meine „uneinsichtige Haltung“, die auch Armin Conrad, Chef-Redakteur von »Kulturzeit«, missfiel. Das war wohl der konkreteste Vorwurf, den ich in zwei Monaten hörte.
Als klar war, daß ich keinerlei Rückendeckung hatte, standen nun auch die Versager des Kulturbetriebs Schlange: Mal reintreten, es kostet ja nichts… Was tatsächlich in »Endstufe« stand, war längst Nebensache, sie hatten es ohnehin nicht gelesen – so wie der strohdumme Rundschau-Reporter Christoph Schröder, der das auch noch offenherzig zugab und den Roman dennoch zerriß! Was ich denken könnte, heimlich denken, das stand jetzt zur Debatte. Meine fremde Gedankenwelt also. Selbst der FAS-Feuilleton-Chef, der »Endstufe« zunächst „ein glänzend geschriebenes, ungeheuer interessantes Manuskript von einem der besten Autoren der jüngeren Generation“ nannte, machte den Rückzieher. „Es wird nie wieder aufhören, nie wieder!“, schrieb er, als ich ihn bat mir wenigstens gelegentlich Raum zur Richtigstellung der verdrehten Tatsachen einzuräumen. Er tat es nicht und offenbar hatte er recht, denn je mehr ich gegen die wüsten Diffamierungen meiner Person protestierte, um so schlimmer wurde es. Als die »Endstufe«-Lesereise begann, waren die Mitarbeiter des Eichborn-Verlags quasi rund um die Uhr mit dem Abwimmeln von hysterischen Telefonanrufern beschäftigt. Meine Frau verließ vorübergehend Berlin und ein Sekundenschlaf auf der Autobahn kostete mich beinahe das Leben. All das persönliche Elend wurde von der Presse verschwiegen. Es war fast unheimlich. War der eine Verdacht zerstreut, wurde ein neuer von einer anderen Medienmacht produziert. „Er hat den Holocaust vernachlässigt“, blökte es jetzt. – War das des Pudels Kern? Die heimliche Ursache des Aufruhrs?
Rückblickend muß ich sagen, daß mir zu diesem Zeitpunkt immer mulmiger wurde. Ich wollte keine schlafenden Hunde wecken. So ertappte ich mich dabei wie ich in Interviews über Themen redete, die weder das Thema meines Romans waren, noch sonst etwas mit mir zu tun hatten. Ja, Interviews waren eine einzige Qual: Manche Worte blieben auf halbem Weg in der Kehle stecken und sorgten bei mir für eine bis dahin nicht gekannte Befangenheit. Hinter allem vermutete ich Suggestivfragen und antwortete darauf mit einer schwammigen Glätte, die gut zu Roland Koch gepasst hatte. Paranoia sorgt dafür, daß sich die klarste Rede in nebulösen Sätzen verflüchtigt und ja, ich war paranoid.
Daß es »Endstufe« trotzdem auf die Bestseller-Liste schaffte, daß Auslandsübersetzungen folgten und die renommierte österreichische Filmproduktion DOR gerade eine Verfilmung (Regie: Paul Poet) mit Eugene Hutz und Nadeschda Brennicke plant, lässt hoffen, daß sich auch Eva Hermans Leserinnen nicht von ihrer Lektüre abbringen lassen. Es kann nichts schaden über konservative Lebensformen nachzudenken, selbst wenn sie die Vorstellungen der Familienministerin konterkarieren.
Vormachen sollte sich die Autorin allerdings nichts: Ihren lukrativen Platz auf der Sonnenseite des Lebens hat sie verwirkt, sie wird lernen müssen mit massiven Gegenwinden und Treibsand zu leben. Die Zuschauer mögen ein Kurzzeit-Gedächtnis haben, das Internet scheint sich dagegen zur Dauer-Verleumdungsmaschine zu mausern. Schon jetzt wird Herman im Netz die „Nazi-Tante“ genannt. Daß das nicht stimmt, dieses Lippenbekenntnis wird Frau Herman jetzt immer öfter im Kreis von Kulturbetriebfunktionären und amorphen Medien-Feiglingen ablegen müssen : „Sie sind doch nicht wirklich rechts, oder? Habe Sie heute morgen gegooglet…“ Ich habe solche Sätze schon öfters gehört, sehr oft sogar. Selbst wenn Frau Hermann ihr mediales Femegericht überlebt hat, die Gedankenpolizei Deutschlands hat sie vorläufig und auf unbestimmte Zeit in Schutzhaft genommen.
VORSICHT: Sie wurden soeben mit meiner Meinung konfrontiert.
Zu Risiken und Nebenwirkungen befragen Sie Ihren Therapeuten.
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ULTRALOW: Verkauf der Orginal-Vignetten des Romans »Das Schwarzlicht-Terrarium«
Sind Sie auf der Suche nach einem einmaligen Design-Objekt, das Ihr geschmacklos eingerichtetes Zuhause noch geschmackloser macht? – Oder gehören Sie einfach zur Gemeinde der „Schwarzlicht-Terraner“, den mehr als hunderttausend Lesern, die Kunkels Debut „Das Schwarzlicht-Terrarium“ zu einem Kultroman machten? Dann sollten Sie sich dieses Angebot in Ruhe durchlesen:
Im Frühjahr 2000 beauftragte der Rowohlt-Verlag die aus Amsterdam stammende Künstlerin Gerda Bakker Kunkels Roman zu illustrieren. Es entstanden 18 Vignetten im Din A3-Format, von denen nur 8 im Roman abgedruckt wurden.
Alle Originale stehen ab heute zum Verkauf. Exklusiv auf dieser Website.
In einem Anfall von Aktionismus hat sich Thor Kunkel bereit erklärt, jedes Unikat mit einer persönlichen Widmung und einem Zitat aus dem Roman zu signieren.
Zeichnungen angucken? Klicken Sie einfach auf Schwarzlicht-Galleria. (rbi)
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K U L T U R T I P P
31.8.07. Premiere von Feridun Zaimoglus Stück “Moilère. Eine Passion.” in der Berliner Schaubühne. Lesen Sie Kunkels Laudatio auf den Dichter Zaimoglu, veröffentlicht in »Littera Borealis«, herausgegeben von der Sparkassenstiftung Schleswig-Holstein und dem Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein. Sie finden den kompletten Text rechts unter hier & heute. (rbi)
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