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Allgemein — Dragonfly on Juni 21, 2007 at 00:32

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Die 24 am häufigsten gestellten Fragen an Thor Kunkel

Herr Kunkel, wie kommt es daß Sie früher vom SPIEGEL in den Himmel gelobt wurden (https://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,130667,00.html) und plötzlich schweigt man Sie tot. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Jeder Schriftsteller, der sich weigert die Transformation vom “künstlerisch Freischaffenden” zum “Kultur-Untertan” mitzumachen, läuft heute in Gefahr existentiell vernichtet zu werden. So war es in der DDR, so ist es heute in diesem Staat, den man fast schon DDR light nennen möchte. Die üble Mischung aus politischen und medialen Machtmenschen, die heute Parlament und Medien unter sich aufteilen, hat eine einzigartige, postdemokratische Gesinnungsdiktatur etabliert. Ich war wohl einer der ersten an dem die Maschinerie ausprobiert wurde. Daß einige der verantwortlichen Journalisten später vor Gericht landeten, wurde von den Medien totgeschwiegen. Auch der SPIEGEL unterzeichnete eine kostenpflichtige Unterlassungserklärung, nur wer weiß das?

Hatten Sie mit diesem Ausmaß an Kritik gerechnet?

Der Rufmord war von meinem ehemaligen Verleger Alexander Fest initiiert. Mit der brutalstmöglichen Diskreditierung meiner Person (gibt es ein schärferes Argument gegen einen Schriftsteller als eine angedichtete Nähe zum Nazionalsozialismus?), wollte er meine Biografie beugen.
Das Exempel, das die Meinungsmacher anschließend an mir statuierten, war eher als Einschüchterung von jungen Kollegen zu werten: Stelle niemals den Sinn der Opferhierarchie und das gedankenlose Nachbeten bestimmter ritueller Sätz in Frage, sonst ergeht es dir wie Thor Kunkel. In meinem Fall war alles erlaubt: Verunglimpfungen, Verleumdungen, Verdächteleien… Merke: Ein Schriftsteller, der freiwillig den Schutz der linksfeudalen Literaturclique verläßt, gilt als Freiwild. All die Bobo-Linken und rotlackierten Nazies wußten Bescheid: Es war ihnen erlaubt scharf zu schießen und genau das haben sie getan. Ohne Skrupel. Rache wäre in diesem Fall ein klarer Fall von Selbstverteidigung. Und doch habe ich den Armleuchtern längst vergeben: Sie müssen ja auch von was leben…

Ich habe mich später mit dem Gedanken getröstet, daß Kritik schon immer ein Gebiet war, in dem vor allem verkannte Soziopathen zu Höchstform auflaufen. Und wenn sich viele psychotische Feiglinge zu einer amorphen Masse verklumpen, dann kennen sie weder Maß noch Ziel. Sachlichkeit spielt dann keine Rolle mehr, nur noch Hass.

Worunter haben Sie am meisten gelitten?

Unter dem Versagen der Qualitätskontrolle bei vielen Medien. Wenn ein Fernseh-Redakteur wie Tilman Jens derartige vor Tatsachenverdrehungen und Falschaussagen wimmelnde Berichte einem Sender (3Sat) anbietet, und dieser das Material einfach so ausstrahlt, dann liegt ein Versagen der redaktionellen Qualitätssicherung vor. Die 3Sat-”kulturzeit”- Redaktion hätte die Verantwortung gehabt, Jensens Recherchen kritisch zu prüfen. Laut Pressekodex sind die obersten Gebote der Medien die Wahrhaftigkeit und sorgfältige Recherche. Scheinbar funktioniert die heutige Medienwelt anders. Jens, der weder Filmhistoriker noch sonstwie Experte ist, verortete das Entstehungsdatum der Sachsenwald-Filme eigenmächtig erst in die 60er -, dann (eine Woche später) in die 50er Jahre! Daran zeigt sich klar, wie unprofessionell er recherchiert hat.

Darf man Geschichte so umschreiben wie Sie das getan haben?

Ich habe nichts umgeschrieben. In »Endstufe« findet sich bestenfalls ein Aspekt komplementärer Geschichte. Es spricht nichts dagegen die Weltgeschichte einmal vom Schlafzimmer aus zu betrachten, wer mit wem wann geschlafen hat und welche Familien seit langem miteinander verbandelt sind. Die offiziellen Begegnungen sind doch nur Schau, was sich hinter den Kulissen abspielt ist der entscheidende Aspekt.

Welche Rolle spielte Ihr Ex-Verleger Alexander Fest bei der Skandalisierung Ihrer Person?

Eine recht unrühmliche. Er unterschrieb später ebenfalls eine Unterlassungserklärung, doch distanzierte er sich nie öffentlich für seine an die Grenze der Legalität gehende Handlungsweise.

Stehen Sie noch immer unter Generalverdacht im Kulturbetrieb?

Aber ja. Wenn ein Schriftsteller seinen Ungehorsam gegen die Kulturhegemonie von kindischen Alt-68ern durchblicken lässt – und dann noch auf künstlerischer Freiheit besteht -, muß er es hinnehmen, wenn ihn die Bande postwendend zum Staatsfeind erklärt. Das geschieht reflexartig und scheinbar wimmelt es in den Feuilleton-Redaktionen von rückgradverbogenen „Normgebern“, die alles nachplappern, was die Leitmedien vorgeben.

Der SPIEGEL behauptete : „Niemand kam Kunkel zu Hilfe.“ Stimmt das?

Stimmt nicht. Viele namhafte Schriftsteller stellten sich demonstrativ auf meine Seite: Alban Nikolai Herbst, Feridun Zaimoglu, Marcel Beyer, Tina Uebel, Artur Becker – indirekt auch Michael Lenz in der Süddeutschen. All das läßt sich online nachlesen. Auch Musiker und Schauspieler lobten den Roman öffentlich – Bela B., Ulrich Tukur, Markus Gertken, Franziska Petri und viele andere. Die begeisterten Zuschriften von Lesern gingen in die tausende.
Zuletzt überwogen auch in der regulären Presse die ausgewogenen Stimmen. Selbst die kritische »Financial Times Deutschland« legte den Roman auf den Gabentisch ihrer Weihnachtsausgabe Dezember 2004.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Als Steppke, kaum eingeschult, geriet ich reinzufällig in der Gallus-Stadtbliothek an Kafkas “Forschungen eines Hundes”. Damals kam mir zum ersten Mal der Gedanke zu schreiben. Kafka schrieb über die Haltung der Menschen zur Wahrheit:
„Du beschwerst dich über deine Mithunde, über ihre Schweigsamkeit hinsichtlich der entscheidenden Dinge, du behauptest sie wüssten mehr als sie eingestehen, mehr, als sie im Leben gelten lassen wollen, und dieses Verschweigen, dessen Grund und Geheimnis sie natürlich auch noch mitverschweigen, vergifte das Leben, mache es dir unerträglich, du müsstest es ändern und es verlassen.“
Ist dieses Schweigen bis heute nicht die Ursache allen Übels? Und haben die „entscheidenden Dinge“ nicht immer mit Macht, Geld und biologischen Mechanismen zu tun, die uns wie Triebmarionetten bewegen? Vielleicht ist das Schweigen unserer Mithunde gar nicht so konspirativ wie Kafka meinte, vielleicht ist es einfach nur die Furcht das sichere Koordinatensystem der Normalität zu verlassen und Fragen zu stellen, auf die es noch keine Antworten gibt. Ich werde mein Schreiben auch in Zukunft nicht in den Dienst einer ideologisch geprägten Literaturpolitik stellen.

Welche Schriftsteller haben Sie beeinflusst?

Kafka, Gottfried Benn, Büchner, Dürrenmatt, Edgar Allan Poe, Samuel Beckett, Alfred Jarry, Simone De Beauvoir, Thomas Pynchon und Hölderlin. Das mag zwar nach einer üblen Melange klingen und doch gehören diese Autoren zum engeren Lesezirkel meines Herzens.

Sie haben Ihren ersten Roman Stanley Kubrick gewidmet. Wieso?

Anfang der Achtziger Jahre saß ich jeden (und ich meine”jeden”) Sonntag in der „Clockwork Orange“-Matineé des Cinemonde in Frankfurt und fragte mich wie es möglich war eine derart fundamentale Wahrheit auf die Leinwand zu bringen: Die Welt in ihren materiellen Komponenten gehört den Gewalttätigen. Wer der eigenen Überlebensinstinkte verlustigt geht, geht unweigerlich unter.

Wieso gibt es in Ihrem 1979 spielenden Roman „Das Schwarzlicht-Terrarium“ auch einen Karl Fussmann?

Es handelt sich um den Enkel des SS-Chemikers aus „Endstufe“, der allerdings zum dekadenten LSD-Hersteller mutiert ist. Der inhaltliche Zusammenhang zwischen „Das Schwarzlicht-Terrarium“ und „Endstufe“ wurde bisher von den Feuilletonisten absichtlich ignoriert. Beide Romane zählen zu der 1994 geplanten „Restwelt“-Trilogie, deren dritter und letzter Teil hoffentlich im nächsten Frühjahr erscheint. Auch hier wird es deutliche Bezüge zu den Protagonisten des „Schwarzlicht-Terrariums“ geben.

Was ist die »Restwelt«-Trilogie?

Die Teile der Trilogie erschienen nicht in chronologischer Reihenfolge.
1.Teil „Endstufe“
2.Teil „Das Schwarzlicht-Terrarium“ +”Kuhls Kosmos”(ursprüngl. als Doppelroman geplant)

3.Teil ” *********” (der Titel wird noch nicht verraten)

Man muß die Romane nicht in dieser Reihenfolge zu lesen, doch wer nachfühlen will, warum ich die Trilogie „Restwelt“ genannt habe, sollte es tun.
Anmerken sollte ich noch, daß es noch eine Fortsetzung von „Das Schwarzlicht-Terrarium“ gibt, ein kompletter Roman namens „Kuhls Kosmos“, der Mitte 2008 bei Pulp-Master, Berlin erscheint. Zum selben Zyklus zählen auch etwa zehn Kurzgeschichten, von denen einige in der Zwischenzeit in Anthologien veröffentlicht wurden.

Wieso wirkt die jüngere deutsche Literatur im Vergleich mit dem Ausland so unsäglich brav?

Es herrscht ein Mangel an Phantasie und das ist der Kern des Problems. Biedersinnige Langweiler werden belohnt, man sehe sich nur diejenigen an, die sich jetzt um Grass gescharrt haben. Als ich Endstufe schrieb, prophezeite mir der deutsch-polnische Schriftsteller Artur Becker eine „literarische Position wie Houellebeque” sie vertrete, sei „in Deutschland unmöglich“. Nun, dann habe ich eben etwas Unmögliches möglich gemacht.

Das Thema Ihres Romans „Endstufe“ wurde weltweit von Zeitungen aufgegriffen. Wie kamen Sie auf die Idee einen Roman über Pornofilmer im III. Reich zu schreiben?

Ich verdanke die Inspiration einem Auspruchs Sartres aus dem Jahr 1954: „Wer mit Pornographie beginnt, der endet in Auschwitz. Das Fleisch, das ihr zeigt, ist gerade gut genug, um missbraucht, gefoltert und verbrannt zu werden.“ Auch Armin Mohler zitierte diesen Ausspruch bereits 1972 in seinem berühmten Essay “Sex und Politik”, legt ihn allerdings Sartres Freund Jean Cau in den Mund.

Als ich dann noch durch Zufall von den authentischen Sachsenwald-Filmen ( Sammlung Werner Nekes, www.wernernekes.de ) hörte, gab es in meinem Gehirn eine assoziative Verkettung der dritten Art.

Ausgerechnet die TAZ warf Ihnen vor „Pornographie als Metapher für die Wirklichkeit des III. Reiches“ zu gebrauchen.

Man muß nicht besonders scharfsinnig sein, um zu verstehen, was Sartre meinte: Pornografie ist Anschauungsunterricht in Menschenverachtung, das III. Reich die Verwirklichung von Unsittlichkeit in Reinkultur (die krasse Verkehrung also von Hegels Definition vom Staat als „die Wirklichkeit einer sittlichen Idee“.) Doch welcher TAZ-Feuilletonist wäre noch in der Lage diesen letzten Satz zu verstehen? Und ist die Vermutung so abwegig, daß diese Herrschaften selbst täglich Pornographie konsumieren und sich deshalb vor sich selbst ekeln? Ich möchte die Festplatten von diesen Typen nicht sehen.

Wie stehen Sie persönlich zur Pornografie?

Pornografie ist ein billiges, nicht schädliches Betäubungsmittel, eine sterile Wundsalbe der Seele, von der man sich schnell wieder trennen sollte. Als Surrogat für Liebe taugt sie ebenso wenig wie eine Silikonpuppe oder irgendein anderer „Ersatz“, der vereinsamten Menschen von der Industrie angeboten wird.

Sie wurden laut Presseberichten bei Ihrer Lesung in der »Kalkscheune« von Wiglaff Droste angegriffen? Ist das richtig?

Es war kein tätlicher Angriff, sondern nur das persönliche Gewoge eines verkrachten, lyrischen Fuselbrenners, der als Blödelsänger von den Lachern des Amüsierpöbels lebt. Drostes peinliche Selbstbeweihräucherung - warum er mich angriff und warum er “nicht Jesus” sei - kann man übrigens online im Schweizer Kult-Magazin nachlesen. Da der Hampelriese ein Ex-Werber ist, sollte man nicht allzuviel von seiner Schreibe erwarten. Mir war er bis dahin nur als Produzent von Tischstützen bekannt, das heißt, alles was er schreibt ist selten dicker als 4 Bierdeckel und eignet sich bestens um Wackeltische zu stabilieren…

Wie sehen Sie Ihren Roman drei Jahre nach dem Skandal?

Ich muss heute oft an den Satz des Schriftgelehrten Terentianus Maurus denken, der einmal meinte, auch Bücher hätten ein Schicksal. »Endstufe« ist ein Solitär in der deutschen Literatur, eine berichtigende Unordnung in der maroden Kulturhegemonie und das ist gut so.
Wie kommt es, daß Ihr neuer Roman noch immer nicht veröffentlicht ist? Unter http://www.blackink.de/verlag/veranstaltungen/season2/2005_07.html läßt sich ersehen, daß Sie bereits im Juli 2005 aus »Bin Shoppen« in München vorgelesen haben.

Es sind noch einige Hürden zu nehmen. Der innere Monolog eines Regierungsberaters, der der Spassgesellschaft den Krieg erklärt hat – so etwas klingt für manche bereits nach einer „zweiten Thor Kunkel-Debatte“ (H. Malchow, Verlagsleiter Kiepenheuer & Witsch, im Tagespiegel, 7.10.2006)
Die Selbstgefälligkeit der Kulturbourgeoisie, die heute von moralisch bankrotten Egoisten beherrscht wird, fürchtet nichts so sehr wie den Diskurs. Daß der gesellschaftliche Kehrrichthaufen allmählich zu gären beginnt, haben sie nicht einmal bemerkt. Wenn die glauben sie könnten Künstlern Maulkörbe anlegen, dann muß man sich eben nach Mitteln umsehen, die schärfer sind, viel schärfer sogar.

Wie sehen Sie Ihre persönliche Zukunft?

Der alte Gottfried Benn sagte mal: „Im Anfang war das Wort und nicht das Geschwätz.“ Die Angriffe der Journailien haben mich nur in der Auffassung bestärkt, daß der beste Platz eines Schriftstellers immer zwischen den Stühlen ist. Zum Schosshündchen von literaturpolitischen Karrieristen tauge ich nicht.

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