Financial Times Deutschland

Allgemein — Dragonfly on Juni 21, 2007 at 20:04

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Thor Kunkels Literaturtipps erscheinen seit 2009 regelmäßig in der Financial Times Deutschland.

N E U  12. Mai  2010

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20 Bücher, die Sie noch vor Ihrem Tod lesen sollten

Die zwanzig Bücher, auf die sich dieser Beitrag bezieht, werden unten kurz kommentiert.

(rb.)

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Kunkels Büchertipps lesen Sie regelmäßig in der Financial Times Deutschland.

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Simone de Beauvoir » Alle Menschen sind sterblich «

TK: „Simone de Beauvoirs bester Roman und meiner Ansicht nach auch der beste Roman, der je über Unsterblichkeit geschrieben wurde. Vor den Wirren der Glaubenskriege und der Kolonisierung der Neuen Welt, schildert »Tous les hommes sont mortels« die Abenteuer eines Edelmanns, der durch ein Elixier zum Unsterblichen wird. Lange versucht er als Berater Karl V. den Weg für eine humane Gesellschaf zu ebnen. Doch die Hoffnungen auf eine bessere Welt scheitern an der inhärenten Raubordnung des Lebens. Der Unsterbliche wird selbst zum zynischen Manipulator. Seine Einsichten gehören zur geistreichsten Prosa des 20. Jahrhunderts. Der 1946, in den Nachwehen des II. Weltkriegs verfasste Roman, ist heute aktueller denn je.“

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Kunkels Büchertipps lesen Sie regelmäßig in der Financial Times Deutschland.

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Thomas Pynchon » V «

TK: „Wer bisher nur von Pynchon gehört hat, sollte mit diesem Buch einsteigen. Obwohl sich der Roman im Grunde um alles dreht, fasziniert er durch seine zeitlose Sprache und der Tiefe des Gedankenlabyrinths, in der die verschiedenen Protagonisten auf der Suche nach der sinistren „V“ umher streifen, sich begegnen und wieder aus den Augen verlieren. Pynchon beschreibt den Menschen als Bestandteil eines von Naturkonstanten definierten Systems, das sich in sinnlos waltenden Triebkräften manifestiert. Die Neognostiker von Princeton mögen Pate gestanden haben, oder das 2. Thermodynamische Gesetz, aber dieser erste Roman von Pynchon ist eine literarische Blaupause der Chaosforschung.“

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Mark Z. Danielewski »House of Leaves« (soeben bei Klett-Cotta erschienen)

TK: „Bei der Vermessung seiner neuen Wohnung macht der Photo-Journalist Will Navidson eine beunruhigende Entdeckung – die inneren und äußeren Dimensionen seines Hauses stimmen nicht überein. Die Ursache liegt in einem schlauchartigen, fensterlosen Trakt, von dem eine zweite Tür abgeht, hinter der sich ein längerer Trakt verbirgt, mit wiederum einer Tür - und so weiter… Bei dem Versuch, das Labyrinth in Navidsons Haus zu ergründen, verschwindet eine ganze Expedition . Angereichert mit unzähligen authentischen Bezügen (z.B. einem fiktiven Interview mit Kubrick) ist »HoL« ist eine gelungene Mischung aus „Alice im Wunderland“ und Lovecrafts „Berge des Wahnsinns“.

Boris Vian »Der Schaum der Tage«

TK: „Wer von dieser Liebesgeschichte nicht ergriffen wird, hat kein Herz. Colin und Chloé lieben sich bis zum bitteren Ende und ihre Geschichte ist so tragisch, daß selbst die Hausmaus noch Selbstmord begeht. Vian hat viel cooles Jazz-Gequatsche geschrieben, aber L’écume des jours von 1947 ist ein zeitlos schönes Juwel der Melancholie.

Daniel F. Galouye »Welt am Draht«

TK: „Daß Rainer Werner Fassbinder den im Original »Simulacron-2« genannten Science-Fiction verfilmte, mag für dessen Qualität sprechen. 1964 geschrieben, entwirft Galouyes Roman eine von von „Simulelektronikern“ erschaffene virtuelle Konsumwelt, die nur Marktforschungszwecken dient.
Zitat: „Der Jüngste Tag würde, sobald er kam, nicht ein physisches Phänomen sein, sondern eine völlige Tilgung simulektronischer Schaltkreise.“ Den digitalen Menschen, die in Simulacron-2 jeden morgen zur Arbeit gehen, und ihr Leben in voller Zügen geniesen, ist nicht bewusst, das sie nur Teile eines Programms ausmachen…“ Erinnerungen an die wirkliche Welt? ;)

Howard Philip Lovecraft »Berge des Wahnsinns«

TK: „Seit Houllebeques Essay über Lovecraft »Gegen das Leben und gegen die Welt« darf man auch in Deutschland zugeben, das man als Jugendlicher den Sonderling aus Providence gerne gelesen hat. Den Eingeweihten des Chtullu-Mythos muß ich nichts mehr erzählen. Eine Expedition entdeckt im antarktischen Eis eine riesige Stadt, die hier vor Jahrmillionen von einer außerirdischen Rasse erbaut wurde. Die Ruinen sind allerdings nicht ganz so unbewohnt wie die Forschungsreisenden glauben…“

Franz Kafka »In der Strafkolonie« (Erzählungen)

TK: „Kafkas Romane sind oft von einer lähmenden, ins Diffuse abschweifenden Länge, seinen Erzählungen dagegen, allen voran „In der Strafkolonie“ und „Die Verwandlung“ wirken in ihrer Schärfe brilliant.“

Anthony Burgess »Uhrwerk Orange«

TK: „Alle kennen den Film, doch die Romanvorlage von Anthony Burgess steht Kubricks Verfilmung um nichts nach. Burgess reflektiert in dieser Geschichte eine besonders für Deutsche schwer zu akzeptierende Wahrheit, daß der Übergang zwischen Täter und Opfer ein fließender ist, und daß die Gesellschaft aus einem Gemisch von „Betrügern und Betrogenen“ besteht. Das muß einen nicht freuen, doch mal sollte sich im Ertragen dieser Tatsache üben. Wer die linke Wange hinhält, ist selbst schuld. Nichts für Gutmenschen und Humanoptimisten!”

D.A.F. De Sade »Die Philosophie im Boudoiir«

TK: „Die halbe Welt hält De Sades Schriften für ausgemachten Schweinkram, das Gegenteil ist der Fall: De Sade kaschierte seine atheistische Philosophie als Masturbationsvorlage, eine nicht unoriginelle Strategie um seine geistigen Brandsätze unters Volk zu bringen. Wie Jack the Ripper verachtete De Sade die faule Parasitengesellschaft seiner Zeit, und versuchte sie durch heilsame Schocks zur Überwindung ihrer Lethargie zu zwingen.“

Georg Büchner »Woyzeck«

TK: „Anstelle von Woyzeck hätte ich auch Dantons Tod schreiben können, denn Büchners Stücke bespiegeln alle die tiefe Menschlichkeit dieses größten Dichters der Deutschen.“

E.M. Cioran »Syllogismen der Bitterkeit«

TK: „Ihr Einsamen und Verletzten, ihr Enttäuschten und Klarsehenden, lest dieses Buch: Ciorans Beobachtungen sind in ihren Verkürzungen genial: Daß er den Fortgang der Geschichte „eine Dynamik der Geopferten“ nennt, ist nur ein Beispiel wie unvoreingenommen und exakt Cioran die Welt, in der wir leben, beschreibt.«

Thor Kunkel »Endstufe«

TK: „Ein gesundes Selbstvertrauen gehört nun mal zu diesem unangenehmen Hobby der Schriftstellerei. Ich bitte um Nachsicht, daß ich meinen eigenen Roman hier empfehle. Der begnadete Schauspieler Jockel Tschirsch schrieb mir zum Buch: »Nichts gelesen aus Düütschland in letzter Zeit, was da
heran kann ! Dieser Irrsinn, diese Boshaftigkeit und diese versaute sprachliche Präzision, dieser irrsinnige Fleiß der Recherche und diese Story, die von vorne bis hinten durchgeht und einen fesselt. Wirklich, ist kein Honig-in den Arsch blasen, sondern grösste Anerkennung und grössten Respekt. Vor der Inspiration, vor dem Detail, vor der irren Gesamt-Metapher, die NS-Irrsinn aus der Sichter der Sachsenwald-Filme zu erklären und das ist alles tausendmal besser und luzider und komischer und erhellender als diese ganze Untergangs-Scheisse der Herren Eichinger und Co, einschliesslich diesem langweiligen FÄLSCHER-Film.«

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Bruce Lee »Tao of Jeet Kune Do«

TK: „In dem Viertel, wo ich aufgewachsen bin, war Bruce Lee in den 70er Jahren DER Held. Wie alle Vierzehnjährigen hatte ich »Der Mann mit der Todeskralle« gesehen und übte seitdem mit Freunden Trittkombinationen an den Wäschestangen auf dem Trockenplatz vor unserem Block.
Erst zehn Jahre später fiel mir TOJKD in die Finger. Ich merkte schnell, daß Bruce Lees phänomenale Körperbeherrschung auf einer philosophischen Grundeinstellung beruht – alles Innere durch eigene Erfahrung zu bilden und eine Form des totalen seelischen Ausdrucks zu erreichen, die dem Wesentlichen des Seins - dem Ekstatischen unserer Existenz – entspricht. Nur eine Hälfte des Buchs hat daher mit Kampfsport zu tun, die interessantere Hälfte liegt in den kristallklaren Aphorismen des Meisters.“

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